"Schluss mit dem Versteckspiel!"
von Redakteur2

"Schluss mit dem Versteckspiel!"

In den letzten fünf Wochen habe ich eine stationäre Stottertherapie in Bonn besucht. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich über mein Problem kaum geredet und wollte es auch möglichst wenig zeigen.

Deswegen habe ich durch Tricks versucht mein Stottern zu verstecken. Ich habe durch viele Füllwörter wie (ähm, ja, also, halt) mein Stottern aufgeschoben bis ich mir sicher war das Wort flüssig sprechen zu können. Ich habe beispielsweise gesagt: „Ja, ähm das Ergebnis ist halt ähm…“ Oder ich habe Pausen gemacht und so lange gewartet bis ich glaubte, das Wort flüssig sprechen zu können. Oft habe ich auch gar nichts gesagt und habe mein Gesicht bewegt, um besser aus der Sprechblockade raus zu kommen.

Durch das ständige Vermeiden und Aufschieben wuchs jedoch die Angst. So habe ich mich zurückgezogen. Ich habe mich beispielsweise nie freiwillig gemeldet um einen Absatz vor zu lesen oder ich habe jede Sprechaufgabe bei Gruppenarbeiten so gering wie möglich gehalten. In den ersten beiden Wochen in Bonn ging es um den Angst- und Schamabbau. Dabei sollte ich alle Tricks weglassen und mein richtiges Stottern zeigen. Aaaalso dadadas pripriprimäre StoStoStottern. Dazu haben wir viel telefoniert. Wir haben in Bäckereien oder in Apotheken angerufen und etwas nachgefragt. Und wir haben Umwelttraining gemacht. Wir haben also Passanten stotternd z.B. nach der Uhrzeit gefragt und wir sind in Geschäfte gegangen und haben auch dort stotternd etwas nachgefragt. Nach den zwei Wochen hatte ich deutlich weniger Angst.

Ab der dritten Woche haben wir die Stotterkontrolle gelernt. Damit rede ich jetzt oft. Wenn ich das Wort dehne, dann habe ich viel Kontrolle über mein Stottern. Wir haben die Technik nach ca. drei Tagen üben in der Gruppe, auch wieder bei Fremden am Telefon und bei Passanten, Verkäufern in der Stadt angewandt. Diese Technik hat mir mehr Flüssigkeit und weniger Druck gebracht. Stottern ist neurologischen Ursprungs und somit nicht heilbar und ich werde immer Stotterer bleiben. Das heißt auch, dass ich mit dieser Technik mein Stottern kontrollieren kann, aber auch noch stottern werde. Aber in den ersten beiden Wochen habe ich gelernt mit weniger Angst stottern zu können. Mein Ziel für die nächsten 10 Wochen sind, dass ich mich mehr am Unterricht beteilige und das ich auch außerhalb der Schule in der Technik sprechen werde. Außerdem wenn ich stottern werde, dass ich mutig damit umgehe.

von "Michael", 17 Jahre, LG Lindenlaub

02/2020

Bildquelle: pixabay.com

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