Leserbrief an Friedrich Dürrenmatt
von Redakteur2

Leserbrief an Friedrich Dürrenmatt

Sehr geehrter Herr Dürrenmatt,

 

mit großem Interesse lese ich zurzeit Ihren 1952 erschienenen Kriminalroman „Der Verdacht“. Das Thema sadistischer Menschenversuche in Konzentrationslagern ist gleichwohl bedeut- als auch grausam und so konnte ich kaum die Augen von den Seiten lassen. Viele Stellen bewegten mich und regten mich zum Nachdenken an, einige erschreckten mich und ließen mir Schauer über den Rücken laufen und manche werfen bei mir drängende Fragen auf, besonders in Bezug auf Ihre eigene Person. So schrieben Sie zum Beispiel „Vaterlandsliebe ist immer noch eine gute Liebe, nur muss sie streng und kritisch sein, sonst wird sie eine Affenliebe.“ Dies liest sich noch einmal mit einem anderen Gewicht, wenn man sich daran erinnert, wohin ihre eigene Vaterlandsliebe sie zu ihrer Jugendzeit führte, denn ich war überrascht zu erfahren, dass sie sich mit 20 Jahren mit einer frontistischen Jugendorganisation identifizierten, einem Zusammenschluss, der nationalsozialistische Ideologien in der Schweiz verbreitete.

Sie selbst betonten zwar immer wieder, dass dies nur „für einige Wochen“ gewesen sei, doch auch danach fielen sie teilweise durch widersprüchliche Äußerungen auf, so schrieben Sie in einen Brief an Ihre Eltern, der Fall von Stalingrad habe immerhin „den Vorteil, dass die Deutschen sich während 3 Tagen besinnen, dass sie die größten Musiker besitzen“. Und bewegten sich als Mitglied der „Freunde der Eidgenössischen Sammlung (kurz ES)“ außerdem weiter in Fröntler – Kreisen. Und das, obwohl schon im Jahr zuvor die frontistische Partei, die „Nationale Front“ nach der Inhaftierung ihres Präsidenten verboten und aufgelöst worden war.

Einerseits schrieben Sie, dass das, was in Deutschland geschah, zu bestimmten Bedingungen überall passieren könnte, andererseits betonten Sie die Individualität dieser Bedingungen. Es interessiert mich brennend, welche Bedingungen zu ihrer Jugend herrschten, die Sie, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit, zu einem „Affenliebenden“ machten.

Vermutungen, Spekulationen und (passenderweise) Verdächte zu ihren Motiven gibt es zu Hauf. Eine der beliebtesten Hypothesen ist, dass Sie zeitweilig gegen ihren Vater rebelliert haben, denn dieser war Pfarrer des Dorfes, in dem Sie aufwuchsen. Da Sie dieser Religion schon immer kritisch gegenüberstanden, hätten Sie auch mein Verständnis dafür, nach einer Abgrenzung zu ihrem Vater zu suchen. Zu ihrem Geburtstag verfasste Ulrich Weber eine Biographie über Sie: In dieser äußerte sich, dass er Sie für „gläubig und zugleich alles andere“ hielte. Die innersten Werte des Christentums hätten Sie durch Ihr ganzes Leben begleitet, auch wenn Sie sich gegen Ende Ihres Lebens als Atheist titulierten. Ich empfinde so ähnlich wie Herr Weber und sehe das Argument der „Jugend- Rebellion“ deshalb kritisch.

Viel eher erklärt ein weiteres Zitat das, was Sie selbst Ihre Jugendsünden nennen. Im „Verdacht“ schrieben Sie: „Ich glaube es gibt den Unterschied zwischen den Versuchten und den Verschonten. Wie viele sagen: „… und führe uns nicht in Versuchung.“

Nun Herr Dürenmatt, können Sie mir antworten, welcher Versuchung Sie damals nachgaben, als sie sich zunächst begeistert der Eidgenössischen Sammlung anschlossen? Und was genau war es, das Sie später doch erkennen ließ, dass der Weg des Nationalismus der falsche gewesen ist?

 

Mit freundlichen Grüßen,

Michaela (16), Gymnasium Klasse 10, Lerngruppe J2

 

Bildquellen:

  1. Pixabay.com
  2. Wikipedia.de

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